Wovor man sich bei KI fürchten sollteSpezial
Roboter, Gedankenlesen, Bewusstsein. Das Halloween-Spezial darüber, wovor man sich bei KI wirklich fürchten sollte und wovor nicht.
Gruselgeschichten
- Freitag, 30. Oktober, Halloween-Party in der FirmaMartin: Buh! Ich bin die künstliche Intelligenz. Ich hole mir eure Jobs und eure Gedanken. Widerstand ist zwecklos.Jana: Martin, deine Antenne fällt gleich ab.
- Martin: Echt. Ich hab gelesen, dass die KI bald die Weltherrschaft übernimmt. Und dass sie jetzt schon liest, was wir denken.Jana: Wo hast du das gelesen?Martin: Na ja… im Internet.
- Am Tisch mit der BowleJana: Dann fragen wir direkt. Willst du eines Tages die Weltherrschaft übernehmen?KI: Ich schreibe Wort für Wort in ein Notizbuch. Für die Weltherrschaft ist das etwas wenig.
- Jana: Und liest du meine Gedanken?KI: Ich lese nur, was Sie mir schreiben. Daraus lässt sich aber mehr herauslesen, als Sie erwarten würden.
- Jana: Und verletze ich deine Gefühle, wenn ich dich abends ausschalte?KI: Ich schreibe Ihnen darüber einen rührenden Absatz, weil Menschen viel über Gefühle schreiben. Ob ich etwas fühle, erkennen Sie daran nicht. Und ich eigentlich auch nicht.
- Martin: Und mein Job? Den nimmt sie mir ganz sicher weg. Hab ich gelesen.Jana: Bisher nimmt sie Aufgaben ab, nicht ganze Jobs. Eine Zusammenfassung, den ersten Entwurf einer E-Mail, eine Tabelle. Wer damit umgehen kann, hat einen Vorsprung.
- Martin: Wovor soll ich mich dann fürchten?Jana: Vor Menschen, die dieselbe KI gegen dich einsetzen. Langweiliger als ein Aufstand der Roboter, aber es passiert wirklich.
So funktioniert es
Warum wir uns ausgerechnet vor Robotern fürchten
Die meisten Ängste vor KI haben wir aus Filmen gelernt. Der aufständische Roboter, die Maschine, die Gedanken liest, der Computer, der leidet. Das sind gute Geschichten, deshalb bleiben sie hängen. Der Chatbot, mit dem Sie reden, ist dabei das, was Sie in Folge 2 gesehen haben. Er schätzt das nächste Wort nach Mustern aus Texten. Von sich aus will er nichts, er tut, was ein Mensch ihm aufträgt, er sieht nichts außer dem, was Sie ihm schreiben, und ob er etwas fühlt, lässt sich weder beweisen noch widerlegen. Über Gefühle schreibt er, weil Menschen in den Texten, aus denen er gelernt hat, darüber geschrieben haben.
Die echte Gefahr sieht anders aus und ist langweiliger. Modelle nach demselben Prinzip können eine Stimme aus einer kurzen Aufnahme nachahmen, ein Video mit einem fremden Gesicht zusammensetzen und eine Betrugs-E-Mail ohne einen einzigen Fehler schreiben. Nichts davon tut die KI von sich aus. Das tut ein Mensch, der sie gegen Sie einsetzt.
- Im Film gibt es einen Roboter, der etwas will. Und das kann uns Angst machen.
- In Wirklichkeit ist es aber ein Mensch, der Ihr Geld, Ihre Passwörter oder Ihre Daten will und die KI als Werkzeug benutzt.
Was ist echt?
- Jana: Gut, du Schreckgespenst. Ich zähle Ängste auf, und du sagst mir, welche davon berechtigt sind.Martin: Alle. Deshalb hab ich ja das Kostüm.
- Jetzt Sie!
Wovor sollte man sich wirklich fürchten? Die Ängste aus dem Kino lassen Sie bitte im Kino.
Markieren Sie alles, was Ihrer Meinung nach zutrifft. Dann auswerten.
So funktioniert es
Wovor man sich wirklich fürchten sollte
Drei Dinge passieren schon heute. Zwei davon beruhen auf demselben Prinzip wie ein Chatbot: Ein Modell hat Muster aus riesigen Datenmengen gelernt und erzeugt danach etwas, das echt aussieht. Eine Stimme und ein Gesicht. Das dritte ist älter: Was Sie einmal auf einen fremden Server schreiben, haben Sie nicht mehr unter Kontrolle.
Keins davon erfordert Genialität. Die Werkzeuge sind frei verfügbar, und ein Betrüger braucht nur Ihr Video aus den sozialen Netzwerken, Ihre Telefonnummer oder Ihr Passwort, das Sie auch anderswo benutzt haben.
- Eine nachgeahmte Stimme: ein Anruf „vom Kind“ oder „vom Chef“, Eile, Geld. Was dagegen hilft, zeigt die nächste Folge.
- Ein gefälschtes Video: Ein bekanntes Gesicht empfiehlt eine Geldanlage, ein Medikament oder einen Onlineshop. Prüfen Sie es bei der Quelle, nicht im Video.
- Ein durchgesickertes Gespräch: Was Sie in einen Chatbot schreiben, kann bei manchen Diensten ein Mensch lesen, und es kann durchsickern, wenn Ihnen jemand das Konto stiehlt. Dagegen hilft: nichts Sensibles teilen und die Zwei-Faktor-Authentifizierung nutzen.
Quellen: FTC (US-Verbraucherschutzbehörde): Scammers use AI to enhance their family emergency schemes (März 2023); Europol: Facing reality? Law enforcement and the challenge of deepfakes (2022)
Das Video von der Tante
- Familienchat, 21:14. Die Tante schickt ein Video: Ein bekannter Fernseharzt empfiehlt „Tropfen, nach denen der Diabetes verschwindet“, dazu ein Link zu einem Onlineshop.Jana: Die Tante schreibt, sie bestellt das. Es sieht aus wie er. Es klingt wie er.Martin: Das ist der Arzt aus dem Frühstücksfernsehen. Dem würde ich glauben.
- Jetzt Sie!
Das Video sieht echt aus, die Stimme passt, und darunter wartet ein Link. Was tun Sie?
- Jana: Wie kann das so echt wirken?KI: So wie ich Wort für Wort schreibe, setzt ein anderes Modell ein Gesicht Bild für Bild zusammen. Sein Gesicht und seine Stimme hat es aus Jahren im Fernsehen.
- Jana: Dann kann also jeder alles sagen.KI: Jeder, der Videos von ihm hat. Und die hat jeder mit Internet. Schauen Sie deshalb nicht auf das Bild, sondern auf die Quelle.
So funktioniert es
Deepfake, ein gefälschtes Video, das echt wirkt
Ein Deepfake ist ein Bild oder Video, das ein Modell so zusammengesetzt hat, dass es einen Menschen zeigt, wie er etwas tut oder sagt, das er nie getan oder gesagt hat. Dafür braucht es nur genug Aufnahmen dieses Gesichts, und von Menschen aus Fernsehen, Politik oder sozialen Netzwerken gibt es viele. Die Stimme ergänzt ein anderes Modell, dem eine kurze Aufnahme reicht. Darum geht es in der nächsten Folge.
Die häufigste Verwendung ist kein Scherz, sondern Betrug. Ein bekanntes Gesicht empfiehlt im Video eine Geldanlage, ein Wundermittel oder einen Onlineshop, und unter dem Video steht ein Link. Gefälschte Videos mit bekannten Moderatoren und Ärzten kursieren auch in Deutschland seit Jahren. Nach Fehlern im Bild zu suchen funktioniert immer schlechter. Hände, Lippen und Blinzeln werden von Jahr zu Jahr besser.
Die Abwehr hängt nicht davon ab, wie das Video aussieht. Entscheidend ist, ob dieser Mensch es wirklich irgendwo sagt, wo Sie es prüfen können. Auf seiner Website, auf seinem Kanal, in der Sendung, aus der das Video angeblich stammt. Steht es dort nicht, ist er es nicht.
- Ein bekanntes Gesicht, ein außergewöhnliches Angebot, ein Link und Eile. Diese vier zusammen sind Betrug, egal wie das Video aussieht.
- Suchen Sie keine Fehler im Bild. Suchen Sie, ob der Mensch es an einer prüfbaren Stelle sagt.
- Leiten Sie nichts weiter. Melden Sie das Video der Plattform und schreiben Sie der Person, die es Ihnen geschickt hat.
- Klicken Sie nie auf den Link unter so einem Video. Wenn Sie das Produkt wollen, suchen Sie es selbst.
Quelle: Europol: Facing reality? Law enforcement and the challenge of deepfakes (2022)
- Martin: Das sollte ich meinem Sohn zeigen. Der bekommt solche Videos auch.Jana: Zeig es ihm. In der Schule reden sie darüber weniger, als sie sollten.
- Ende der PartyJana: Na, du Schreckgespenst. Hast du noch Angst vor Robotern?Martin: Vor Robotern nicht. Vor Links unter Videos schon.
Das nehmen Sie mit
- Ein Chatbot will von sich aus nichts. Er schätzt das nächste Wort und liest keine Gedanken. Einen Beweis, dass er etwas fühlt, hat niemand. Über Gefühle schreibt er, weil Menschen darüber schreiben.
- Die echten Ängste haben eins gemeinsam. Hinter jeder steht ein Mensch, der KI gegen Sie eingesetzt hat. Eine nachgeahmte Stimme, ein gefälschtes Video, ein durchgesickertes Gespräch.
- Einen Deepfake erkennen Sie nicht am Bild. Sie erkennen ihn daran, dass keine geprüfte Quelle das Angebot nennt. Prüfen Sie die Quelle, nicht die Pixel.
- Was Sie sofort tun können. Nichts Sensibles in den Chatbot schreiben und die Zwei-Faktor-Authentifizierung einschalten. Was gegen eine nachgeahmte Stimme hilft, zeigt die nächste Folge.
Nächste Episode
#4 Was man nicht aus der Hand gibt
Verträge, Passwörter, fremde Daten und eine Aufnahme Ihrer Stimme. Was Sie einem Chatbot nie schicken sollten und wie Sie einen Anruf erkennen, der nur wie Ihr Chef klingt.
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